Heinsberg Aktuell

Auszug aus dem Presseartikel 2021 des Arbeitskreises der Gleichstellungsbeauftragten im Kreis Heinsberg

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Meldung vom 08.03.2021

Internationaler Frauentag am 08. März – überhaupt noch zeitgemäß ?

Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, wie wichtig es immer noch ist, auf dieses Thema  aufmerksam zu machen und in den Bestrebungen, Gleichstellung auch zu erreichen, nicht nachzulassen.

Wo stehen Frauen heute im Beruf?

Aktuelle Statistiken zeigen, dass  in Berufen, die mit Menschen zu tun haben, traditionell immer noch überwiegend Frauen arbeiten. Dies sind die Pflegeberufe, Berufe im Sozial- und Erziehungsbereich und auch der Einzelhandel.

Daneben nehmen Frauen auch überwiegend unbezahlte Sorgearbeit zu Hause wahr.

Mit der Coronapandemie wurden diese Tatsachen mehr als offenkundig. Oft waren es gerade die schlechtbezahlten, von Frauen dominierten Bereiche wie Pflege, Kinderbetreuung und Einzelhandel, die uns als Gesellschaft durch die Pandemie tragen. Der Frauenanteil liegt hier bei 75% (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) Eine langfristige Wertschätzung z.B. in Form von Anpassung der Entlohnung erfolgte bislang nicht. Es blieb bei Gesten und Dankesbekundungen.

Frauen in Führungspositionen

„Wenn Unternehmen sagen: Wir sind ein technisches Unternehmen. Wir haben keine guten Frauen. Dann sage ich immer: Im Abitur und im Studium waren die noch da. Wo sind die den alle hin? …“ (Bundesfrauenministerin Franziska Giffey  im Juli 2020)

Wo sind die qualifizierten Frauen mit einer guten schulischen bzw. beruflichen Qualifikation? Sie sind oftmals über die „Hindernisse“ männlich geprägter Strukturen, damit einhergehender fehlender Unterstützung und auch nicht optimalen Bedingungen von Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestolpert und auf dem Karriereweg auf der Strecke geblieben.

Da es mit der Besetzung von leitenden Unternehmensposten durch Frauen von alleine nicht funktioniert, hat die Bundesregierung 2016 das Führungspositionengesetz verabschiedet. Darin festgelegt wurde eine Frauenquote für Aufsichtsräte, mit der Novellierung Anfang 2021 nun auch für Vorstände

Auch im öffentlichen Dienst sind mehr als die Hälfte der Beschäftigten Frauen. Ein Blick in die Führungsebene zeigt aber, dass auch hier Frauen unterrepräsentiert sind, obwohl weitgehend die Verpflichtung zur Gleichstellung besteht.

Zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat sich sicherlich einiges getan: Elterngeld, Elternzeit, Anspruch auf Anpassung der Arbeitszeit.
 Es sind in der Mehrzahl Frauen, die diese Möglichkeiten in Anspruch nehmen. Dies kann zur Folge haben, dass sie aufgrund von weniger Präsenz bei anstehenden Beförderungen nicht so gut beurteilt und von männlichen Mitbewerbern überholt werden. Frauen erfahren im öffentlichen Dienst nur eine Bevorzugung gegenüber männlichen Bewerbern, wenn sie gleich geeignet und befähigt sind und die gleiche fachliche Leistung vorweisen können.

Auch in der Wahrnehmung werden Frauen oft anders beurteilt.

Ergreift ein Mann häufig das Wort und macht klare Ansagen, wird das als kompetent und souverän wahrgenommen, verhält sich eine Frau genauso, wird sie als dominant und vorlaut eingeschätzt. Und zwar sowohl von Männern als auch von anderen Frauen. (Süddeutsche Zeitung 27.04.2016

Richtig ist aber auch, dass Frauen sich oftmals scheuen, Führungsaufgaben zu übernehmen. Sie stellen sich mehr als männliche Mitbewerber die Frage: Kann ich das, schaffe ich das, bin ich qualifiziert genug? Frauen bewerben sich erst auf eine höhere Position, wenn sie zu 100 Prozent die Anforderungen erfüllen, Männern reichen 60 - das hat eine Auswertung von internen Bewerberdaten bei Hewlett Packard ergeben. (Süddeutsche Zeitung 27.04.2016)

Wie sehr sind Frauen politisch engagiert?

Lag der Anteil der Frauen im Bundestag vor 2017 noch bei 37,3 %, ging er nach der letzten Bundestagswahl auf 30,7 % zurück.

Leider sind immer weniger Frauen bereit, sich der Herausforderung der politischen Arbeit zu stellen, die zunächst einmal ehrenamtlich ist und immer mit einem großen persönlichen Engagement auf allen Ebenen einhergeht. In den Kommunalparlamenten in NRW ist der Frauenanteil nach der letzten Kommunalwahl nur leicht von 30 auf 34 % gestiegen.
Es scheitert tatsächlich oft an den Bedingungen. Das politische System auch auf kommunaler Ebene ist männlich geprägt. In der Parteiarbeit erleben Frauen häufig, dass sie auch dort in typische Frauenresorts wie Familie oder Soziales „geparkt“ werden. Oder sie landen bei der Besetzung von Posten oder Kandidatenlisten auf den hinteren, nicht so aussichtsreichen Rängen. Rats- oder Ausschusssitzungen finden oft zu Zeiten statt, die für Männer gut zu handhaben sind, für Frauen mit Kindern aber sowohl wegen der Uhrzeit als auch durch die Dauer eher weniger. Eine Möglichkeit der Kinderbetreuung ist in der Regel nicht vorgesehen.

Es gilt über Jahrzehnte gewachsene männliche (Macht)Strukturen aufzubrechen. Zuletzt hat sich z. B. die CDU  schwer damit getan, eine verbindliche Frauenquote für die Besetzung von Vorstandsposten und Listenplätzen einzuführen.

Deutschlandweit wird  nicht einmal jedes 10. Rathaus (9%) von einer Frau geführt.

Mit der Wahl von Daniela Ritzerfeld zur Bürgermeisterin steht in Geilenkirchen erstmals eine Frau an der Spitze der Verwaltung und des Rates. Im Kreis Heinsberg ist Frau Ritzerfeld als Bürgermeisterin eine Ausnahme, alle anderen Chefsessel in den Rathäusern sind von Männern besetzt.

In der Vergangenheit gab es mit Hedwig Klein in Wegberg erst eine hauptamtliche Bürgermeisterin im Kreis Heinsberg (1999-2009).

Aber nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch im gesellschaftlichen Umgang müssen sich Frauen einiges gefallen lassen.

Gewalt gegen Frauen

Ein sehr wichtiges aber auch bedrückendes Themenfeld ist Gewalt in allen Formen. Es sind überwiegend Frauen, die sich psychischer und physischer Gewalt, sexueller Belästigung und Stalking ausgesetzt sehen. (81% der Personen, die von partnerschaftlicher Gewalt Nötigung, Stalking betroffen sind, sind Frauen). Mehr oder weniger allgemein akzeptiert ist, dass Frauen und Mädchen hinterhergepfiffen wird, sie ungefragt angefasst, beleidigt oder belästigt werden. („die soll sich nicht so anstellen“)  Das ist wohl fast jeder Frau in ihrem Leben schon einmal passiert.

Nicht zuletzt die MeToo Debatte hat gezeigt, dass Männer es oft nicht wirklich schlimm bzw. fast normal finden, bei Frauen sexuelles Entgegenkommen einzufordern.

Durch den Vormarsch der sozialen Medien spielt sich Belästigung jeder Art leider nicht nur auf der körperlichen Ebene sondern auch immer mehr dort ab. Frauen erhalten z.B. ungefragt beleidigende  Sprüche, anstößige und auch gewaltvolle Bilder und Videos. Das dies mehr verbreitet ist, als man denkt, bewiesen junge bekannte Fernsehgesichter wie Palina Rojinski und Collien Ulmen-Fernandes in dem Video „Männerwelten“, welches im letzten Jahr zur Prime Time im Privatfernsehen für großes Aufsehen sorgte. Ein Anschauen wird sehr empfohlen (kann im Internet über die Suchmaschinen ganz leicht gefunden werden).

Fazit

Die aufgeführten Themen sind nicht abschließend. Dies war nur ein ganz kleiner Einblick in die generellen Lebensumstände von Frauen, wie sich heute darstellen. Armut im Alter, Zwangsprostitution, aber auch  geschlechtergerechte Sprache u.v.m. sind weitere Themenfelder, mit denen es sich zu beschäftigen gilt;  Zwangsehe und auch Genitalverstümmelung: International ein Thema aber auch schon lange in Deutschland angekommen.

Im weltweiten Vergleich (Global Gender Gap Report) liegt Deutschland auf Platz 10 bei der Gleichberechtigung, an der Spitze liegt Island, vor Deutschland finden sich u.a. Nicaragua und Ruanda. Geht es so weiter, ist die Gleichstellung weltweit in einem Jahrhundert erreicht. (Global Gender Gap Report 2019 des Weltwirtschaftsforums)

Deutschland  hat in Sachen Gleichstellung also noch einiges zu tun. In der ersten Gleichstellungsstrategie des Bundes aus 2020 werden Ziele und Programme der Regierung für die Gleichstellung von Frau und Mann festgelegt, die resortübergreifend zu berücksichtigen sind (www.gleichstellungsstrategie.de)

Der Weltfrauentag am 08. März wird international genutzt um mit Aktionen immer wieder auf die Herausforderungen für Frauen in unserer Zeit aufmerksam zu machen. Leider können wir als Arbeitsgemeinschaft der Gleichstellungsbeauftragten uns aufgrund der Coronapandemie in diesem Jahr nicht mit einer Aktion zu einem besonderen Thema präsentieren. Deshalb haben wir in diesem Jahr einige Texte verfasst, um auf unsere Anliegen wieder einmal aufmerksam zu machen. Für einen Austausch über Frauenthemen, aber auch bei Problemsituationen stehen die Kolleginnen der Arbeitsgemeinschaft der Gleichstellungsbeauftragten immer gerne mit Rat und Tat zur Seite.

 

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